Vor fast 18 Monaten...
Lanyana blinzelte in Richtung Horizont, an dem sich Wasser und Himmel zu einem verschwommenen Hellblau mischten. An diesem Tag konnte man kaum sagen, wo das eine anfing und das andere aufhörte. Trotz der knackigen Kälte schien die Sonne und es war kaum eine Wolke zu sehen.
Monate waren vergangen, seit die Skjulvarg-Ottajasko den Kontinent Mythodea verlassen hatte. Lanyana war damals durchaus betrübt gewesen, als sie angefangen hatten das thorwalsche Langboot in Eile zu beladen.
Die Rekker der Ottajasko, die in der neuen Welt geblieben waren, hatten inmitten einer vereinten Streitkraft von Freyenmärkern und Aventuriern wochenlang gegen das Schwarze Eis gekämpft, um es ihnen so schwer wie möglich zu machen, die neue Heimat zu überlaufen. Viele bekannte Gesichter hatten diesen Kampf verloren – für immer.
Es war nicht nur die Überanstrengung der schier endlos erscheinenden Schlacht mit immer neuen, gleichen Gegnern. Lanyana hatte auch einen Stein in der Brust gefühlt, als sie während der letzten Evakuierung von Neu-Zackenberg nach Shäekara das Segel gehisst hatten, wie so viele andere Schiffe auch, die das Reich der Rosen geschickt hatte, um Freyenmärker zu retten. Zuerst die Kinder, die Alten, die Verwundeten.. und zuletzt alle abgekämpften Gesichter, die sich die letzten zähen Wochen ihren Ruhm verdient hatten.
Sie selbst waren nicht mit nach Shäekara gesegelt.
Ihr Kurs war der zurück nach Aventurien, um den Seelenstein Urukars in die weltenentfernte Heimat zu bringen.
Ob es ein längerer Abschied war, konnte sie nicht sagen. Sie hatte Freunde gewonnen in dieser fremdartigen Globule – den strammen Antonius ( Antonius ), einen Haufen gemütlicher Zackenberger – darunter gerade Avon -, Turan, Boras, Alberich, und Tsadan – die lustigen Golgariten (und sie hatte eine Schwäche für Golgariten!), die nette Rondra-Amazone, die grünen Grünaus, den hübschen Baron mit dem Federhut, Luca - die gar keine Rondranovizin war, auch wenn sie so aussah und noch ganz viele mehr. Es war eine Welt in der Elemente herrschten und in der Wesenheiten zu Mitstreitern zählten, die in Aventurien für einen Aufmarsch des Bannstrahls gesorgt hätten.
Woran sie stets dachte war, dass es jetzt nach Hause ging.
In etwa einem Mond würden sie wieder aventurische Gewässer sehen, zum Frühjahrsbeginn etwa, Ende Tsa. Tauwetter würde sie an den südthorwalschen Fjorden begrüßen.
Und auch wenn sie ein Schauer der Erleichterung durchatmen ließ, wollte die Beklommenheit nicht gänzlich weichen.
Die Steineichenplanken waren frisch geschrubbt, herausgeputzt für ihr Wiedersehen mit den vertrauten Gefilden.
Jetzt waren sie wieder unter sich. Es war immer noch thorwalsch-laut unter den Rekkern, mal ein raues Lachen, ein spröder Scherz, ein gemeinschaftliches Lied (wie sie die Lieder zu singen liebte!) – aber der Lärm des Kampfes, der ihr so lange in den Ohren geklingelt hatte, ebbte ab und ging verloren in dem gleichmäßigen Rauschen des Ozeans unter den Planken.
Nicht alle waren mitgekommen, um Urukar die letzte Ehre zu erweisen. Khaid war dort drüben geblieben, war es doch seine Pflicht all den umherliegenden Haufen von Verletzten beizustehen. Sie hatte sich schwer von ihm trennen können (auch wenn sie das niemals zugegeben hätte), und nicht ohne ihn zu zwingen, noch einmal kurz das blöde Stirnband aufzusetzen, das ihm nicht stand.
Auch Ragnar Grimarson blieb zurück – sie hatten schnell zwischen Steg und Bord noch einen zusammen getrunken. Und sie hatte ihm versprochen, neues Prem-Feuer von Zuhause mitzubringen, wenn sie wiederkam.
William hatte sie ebenfalls nicht begleitet – er hatte wohl eine Bauerstochter oder sowas in Zackenberg kennengelernt und sein Augenmerk auf die aktuelle Wichtigkeit versteift. Sie hatte aufgehört die Nummern seiner Frauen zu zählen, sie war des Spiels überdrüssig geworden, bei all dem Blut.
Sie hoffte, sie hatte sich selbst im Kampf ausreichend bewiesen.
Ein Preis, den sie bezahlt hatte, ein Andenken an Mythodea war der Verlust ihrer Ohrspitzen.
Khaid hatte versucht sie durch die Ohren eines Toten zu ersetzen – eine Weile hatte es den Anschein gehabt, als würde ihr Körper die des fremden, toten Elfen annehmen… Aber dann – hatte es sich entzündet und sie waren abgestoßen worden. Er war eben kein Halbelf gewesen, dieser gestorbene Spender. Sie hütete dieses kleine Geheimnis mit Khaid. Niemand sonst sollte wissen, wie er versucht hatte, ihr das Ohrgespitz zu bewahren.
Durchatmend beobachtete sie den Sonnenuntergang im Westen, auf den sie direkt zuhielten. Sie würden zuerst das Perlenmeer sehen. Auch wenn die Ostküste früher so weit weg von Thorwal gewesen war, hatte sie jetzt das Gefühl, sie sei gleich nebenan. Vielleicht konnten sie nebenbei ja noch einen al’anfanischen Skakmadr von Sklavenschinder runter zu Efferd schicken..
Sie hielt ihre Nase in den Wind und schloss die Augen. Ihr fehlte deftiges, vor Fett nur so triefendes Essen. Das Wasser floss ihr im Mund zusammen – wie hatte sie getrockneten Fisch satt!
Garion trat an ihre Seite, ganz nach vorn ins Boot, wo sich der stilisierte Drachenkopf erhob und sich die hölzerne Zunge dem angepeilten Ziel entgegenreckte. Sie linste zu dem langjährigen Freund, hob einen Mundwinkel und hieb ihm spaßhaft den Ellenbogen in die Seite – zum Glück wusste sie, dass er an Bord keine Rüstung trug.
„Und..? Was meinst du…?“ versuchte sie langsam, „Fährst du irgendwann nochmal zurück?“
Sie glaubte nicht daran.
„oder hast du es auch gemerkt..? Unser Küken ist groß, Hörnchen. Es hat Flügel und fliegt schon furchtbar hoch, auch wenn es seinen Hort an das Schwarze Eis verloren hat. Es hat schöne Federn bekommen, nicht wahr?“
Sie lächelte ihn so schief an wie immer, die runden Augen halb in Wehmut, halb in stolz. Ein bisschen Pathos wohnte ihr inne.
Auf die Aventurische Allianz, dachte sie still und heftete ihren grünen Blick wieder an die Verschmelzung von Himmel und Meer.
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Vor einer Woche...
Mit rotem Gesicht und schwerem Atem, fläzte sich Lanyana schwungvoll auf die Bank des Gasthauses. Der 'Rastende Stiefel' in den sie und ihre Begleiter an diesem Abend eingekehrt waren, bot nicht nur eine pragmatisch-praktische Herberge, sondern den Thorwalern zur Erleichterung auch einen Ausschank.
Sie hatte eben - zwar nicht auf dem Tisch, aber auf der Bank stehend - gesungen. Laut, ein bisschen schief, aber voll Inbrunst und Elan. Und mit Gedanken an Freunde und Gefährten, die sie und die anderen niemals wieder sehen würden. Mit einer Träne im Knopfloch, aber erhitzt-breitem Lächeln auf dem Gesicht wischte sie sich grob über die Augen und griff dann beherzt nach ihrem Krug Met.
"Auf Aventurien! Auf Swafnir!" grölte die Halbelfe prostend und begoss den Abend. Das hatte sie schon die letzten zwei Stunden getan, sich dabei von Daniel ins Bild setzen lassen, von alten Zeiten geredet (die noch gar nicht soo lange her waren) und mit Halbwahrheiten bestückt möchtegern-philosophisch vor sich hin schwadroniert.
William war nie wieder aufgetaucht. Das allein war eine verstörende Tatsache, denn normalerweise hielt er es nicht lange unter ein und dem selben Rock aus. Die Wahlthorwalerin ging also vorsichtshalber vom Ableben des Seefahrers aus.
Luca war spurlos verschwungen. Auch tot. - war Lanyanas resigniert-nüchternes Urteil. Sie wollte lieber vom Schlimmsten ausgehen, dann freute sie sich irgendwann umso mehr, wenn sie eben nicht Recht behalten hatte. Und es würde sich weniger wie ein Schlag in die nüchterne Magengrube anfühlen, sollte tatsächlich der Tod gekommen sein, um ihre Freunde einzusacken.
Sie hoffte, dass wenn sie alle zu Boron geschickt worden waren, dass es die Untoten waren, die die Verantwortung hatten.
Denn dann hätte sie noch weitere Gründe, sie so inbrünstig zu hassen, wie sie es tat. Diese verfluchten Untoten! Sie konnte kaum erwarten, dass es in diese Stadt mit diesem unaussprechlichen Namen ging, um ein paar von ihnen saftig zu verdreschen. Zu töten waren sie schließlich nicht wirklich. Also musste das heillose Verdreschen reichen. Auch wenn das traurig war.
Baron Sal war als ihre Schwärmerei auch gestorben - von Boras und Grendelon ganz zu schweigen... -, dann der Perainegeweihte hatte ihr gesteckt, dass der aventurische Baron auf dem letzten Konvent in Begleitung einer Dame gewesen war. Sie fühlte sich fast ein bisschen verraten. Aber nur fast. Schließlich war sie selber auch nicht gerade sparsam, verschiedensten Blondschöpfen nachzugucken.
Die Grünaus waren wohl endgültig zu tanzenden Blutpaktierern geworden. Ein bisschen schauderte sie bei dem Gedanken, aber nur sprichwörtlich, nicht wirklich. Aber was 'Blutpakt' hieß, konnte in ihrer aventurischen Denke einfach nicht völlig sauber sein.
Und Tanzen war sowieso etwas, das ihre zwei linken Füße nicht zu veranstalten bereit waren (außer sie war ganz ordentlich abgefüllt. Aber dann erinnerte sie sich sowieso nicht mehr an ihr eigenes Gehopse).
Die Halbelfe hatte Jorman im Schlepptau und auch Tjalf, Swafngard und Spedbarn, die sie mit Khaid, dem Meister der Ernte, bekannt gemacht hatte. Und nun tranken sie nicht nur auf alte Freunde, sondern eben auch auf die neuen Bekanntschaften, wie man das eben so machte, wenn es ordentlich von Statten gehen sollte.
"Wir sind dann also von Shäekara hier her! Ohne Otta diesmal, sondern mit nem dicken Kahn geschippert. Und von der guten Bucht aus dann hier her. War mal wieder ne ganz schöne Reise, sag ich dir, Khaid! Ist schon schräg, wenn der Boden auf einmal nicht mehr wankt nach all den Wochen, eh? Und wo wir bei Reise sind.. Wo ist denn der gute Antonius? Und Avon oder Dorian oder wie er sich heute nennt? Nicht in der Stadt, hab ich gehört?" Und das hatte sie. Denn sie hatte schon auf dem Weg zum Stiefel den ein oder anderen harmlosen Passanten angequatscht. Aber sie wollte sich die Gewissheit holen, dass ihr kein Bär der Unwissenheit aufgebunden worden war.