Als ihm der Tee serviert wurde und noch während Thorge sprach, umfasste der Statthalter sein Glas mit beiden, schwer beringten Händen und genoss die Wärme, die durch das Gefäß in schwach pulsierenden Wellen in seinen Körper drang. Wieder wollte sein Geist zu anderen Gedanken abschweifen, zu den schwelend drängenden Fragen und Vorgängen, die sich nur wenige, verborgen gelegene Meter unter eben jenem Raum, in dem er gerade mit einem seiner Untertanen ein Getränk genoss, ereigneten. Ob wohl alles ohne Komplikationen verlaufen würde? Ob alle den Prozess ohne Schäden überstehen würden? Wie weit die Konsequenzen der Prozedur -positiv wie negativ- tragen könnten? Doch die Pflicht des Amtes drängte seine aeriserfüllten, flüchtigen Gedanken beiseite und zwang ihn zurück in die situative Unmittelbarkeit des Raumes, zu den nordländischen Augen, die ihn erwartungsvoll anblickten.
Er staunte über seinen Gast, gleichsam über dessen elaborierte Ausführungen eines zweifellos schon lange erdachten Vorhabens wie über die Unverzagtheit, mit der der junge Heiler diese vor ihm vorgetragen hatte. Er bedachte seine Worte mit einem schweigenden, leicht angedeuteten Nicken und gönnte ihnen einen tiefen, ruhigen Atemzug, um im Raume nachzuhallen. Stille, wenn auch nur für ein paar Augenblicke, legte sich wie eine Daunendecke über den Raum, umhüllte Gedanken, Worte, Ambitionen und Mobiliar. Nur schwach drang von außen eine Ahnung vom Alltagslärm der Stadt herein.
"Dein Vorschlag ist zur Kenntnis genommen." Umar trank den ersten Schluck seines Cay und begrüßte die Melange aus scharfen Gewürzen, die seine Zunge, den Gaumen und die Kehle umspielten. Wieder dauerte es einige Augenblicke, bevor er weitersprach, wobei er das Glas abstellte und sich mit einem stützenden Griff auf seine Oberschenkel aufrichtete, seinem Gast jedoch mit einer Geste andeutete, sitzen zu bleiben.
"Goldhafen würde die Niederlassung der Reichsheilerschaft zweifellos zu schätzen wissen..." Er schritt auf den Kartentisch in der Mitte des Raumes zu. Farima hatte sich wieder ebenso unauffällig in die Schatten zurückgezogen, wie sie ursprünglich an die beiden herangetreten war. Aufmerksam wartete sie im Hintergrund auf eine Order. Umar war zufrieden mit dem derzeitigen Zustand seiner Dienerschaft. "...vor allem jetzt, wo der Mutterstrom von Süden wie von Norden Verletzte in die Stadt spült.
Es wird dich also sicher freuen zu hören. dass ihre geliebte Erhabenheit und Schönheit, Rose des Wüstengartens, flammende Stimme der Einen und Einzigen, die Beyrouni Nahema saba El'Sulef saba Beychaliban ey Elburum eben so beschlossen hat: Die Niederlassung der Reichsheiler geht nach Goldhafen." Der Gelehrte widmete der Reaktion seines Gastes nur aus den Augenwinkeln Aufmerksamkeit, während seine Finger bereits über die Stadtkarte vor ihm glitten.
"Ich ...kann die Mittel zur Verfügung stellen, ein geeignetes Gebäude einzurichten..." murmelte er, konzentriert kalkulierend. "...Genügend Lehm, Holz und Stein, zwanzig Männer und Frauen für den Bau. Was aber die Platzierung in der Nordstadt betrifft:..." Sein Blick wanderte über die Karte zu dem angesprochen Teil der Stadt. Hochschule, Ratsgebäude, Garnison und Marktgelände gesellten sich dort zu den Wohnhäusern überwiegend gut betuchter Stadtbürger und Amtsträger. "Gute Erreichbarkeit wünschen sich viele... Die nahe Garnison hat bereits ein Lazarett für unsere Soldaten, auch wenn..." Er nahm seinen Gast mit einem angedeutetem Schmunzeln in einen prüfenden Blick. "...auch wenn ein Gebäude der Reichsheiler sicher Heilmethoden anderer Güte bringt." Wieder versank er in nachdenkliches Schweigen, um schließlich mit einem kraftvollen Fingertippen auf der Karte seine Überlegungen zu beenden. "Aber gut."
Er rückte den Kragen seines Sherwani zurecht und nahm wieder in der Sitzecke bei Thorge Platz.
Wieder nippte er einen Schluck seines Tees und beugte sich dann, mit gefalteten Händen und auf gespreizten Oberschenkeln abgelegten Ellenbogen zu seinem Gesprächspartner nach vorne.
"An dem von dir erwünschten Ort kann sich ein Platz schaffen lassen, sai. Ein modernes Gebäude nach deinen Vorstellungen. Ich werde dir eine Baumeisterin zur Seite stellen, die deine Anforderungen in die Tat umsetzen kann. Alternativ kann auch eines der alten Kontorlager am Hafen umgebaut werden, nicht allzuweit vom Hafentor. Es ist etwas in die Jahre gekommen, aber dafür bietet die Halle Zugang zum Fluss und reichlich Platz, falls die Reichsheilerschaft .... expandieren möchte."
"Allerdings..." er nahm seinen Gast wieder in einen prüfenden Blick. "...hattet ihr von der Reichsheilerschaft doch bis vor einigen Jahren bereits eine Niederlassung hier, damals, als Münzqell noch regierte." Der Versuch, die Bemerkung beiläufig klingen zu lassen, wurde dadurch sabotiert, dass sich beim letzten Halbsatz eine Emotion (Groll? Wehmut? Misstrauen? Nostalgie?) schwach und nur mit scharfen Sinnen wahrnehmbar in seine Stimme geschlichen hatte. "Als Münzqell abzog, hat man das Gebäude aufgegeben, mittlerweile ist es anderer Verwendung übergeben worden. Aber es wird sicher leicht wieder in deine Hände überführt werden können. Das Haus liegt in der Nordstadt, nahe dem alten Stadtkern."
Bevor Farina hätte reagieren können, hatte Umar bereits die Kanne ergriffen und sich einen Schluck des würzigen Cays nachgegossen.
"Du wirst am besten wissen, welcher dieser Orte sich für dich besser eignet, Thorge Olsson. Wofür entscheidest du dich also?"
Wieder nahm er einen Schluck des Tees, der durchs Ruhen in der Kanne an Stärke zugenommen hatte und lehnte sich zurück, die Antwort des jungen Heilers erwartend.
"Sag mir, wie hast du die Patienten wahrgenommen, die in jüngster Zeit zu dir kommen? Welche Gedanken teilen sie mit dir?"